Arroganz der Absolvenz

Da ist eine junge Frau. Sie schreibt ein Buch. Ein gutes Buch befinden die, die sich damit auskennen. Sie bloggt darüber recht fleißig. Auch ihr Blog wird von denen, die sich damit auskennen, für gut befunden.

Bestätigung von außen ist wichtig. Sie stärkt das Selbstbewusstsein und gibt einem bei Karriereentscheidungen Selbstsicherheit. Die junge Frau, sie heißt Kathrin Weßling, definiert sich zurecht als Autorin. Als solches sucht sie Arbeit. Sie hat sich für eine Guerilla-Aktion entschieden und bloggt ihre Bewerbung in die Welt hinaus. Darin bietet sie ihren potenziellen Arbeitgebern jegliche Art von Schreibdienstleistungen an – von der Redakteurin über die Lektorin bis hin zur Bedienungsanleitungstipperin. Sie vergisst nicht, auch auf ihre Berufserfahrung in Agenturen hinzuweisen. Sie ist nicht nur nur Schreiberin, sondern kennt auch das Innenleben einer Kreativwerkstatt.

„Zettelwirtschaft“ Deutschland

Im Gegensatz zum Beruf des Arztes oder Richters ist ein bestimmtes Studium oder ein bestimmter Ausbildungsweg für kreative Berufe keine zwingende Voraussetzung. Es zählt Talent – man muss eben kreativ sein. Eine freie Gesellschaft darf darstellende oder künstlerische Berufe auch nicht unter Lizenz stellen.

Gleichwohl haben sich Redaktions- und Agenturbüros zum Tummelplatz für Akademiker entwickelt. Hauptsache ein Abschluss oder Zertifikat. Ohne „Zettel“ kommst du  nicht rein.

Survival of the fittest

Soweit die Praxis der Arbeitgeber. Aber auch die Arbeitnehmer singen das Liedlein vom Papierchen gerne mit. In sozialen Medien, bei denen Weßlings Blogbeitrag die Runde machte, fragt sich mancher Absolvent, warum sich andere für solche Jobs „den Arsch abstudieren“ müssten. An Beispielen mangelt es nicht. Aus den verschiedensten Fachrichtungen kommen sie, gute und sehr gute Abschlüsse haben sie und erleben dennoch den alltaglichen Kampf um die raren Jobs.

Dieser Kampf macht mitunter mürbe. Und auch missgünstig. Bewerber sind Konkurrenten. Je weniger davon, umso besser. Absolvent ins Körbchen, Abbrecher in die Tonne.

Auch Talent macht fit

Mir fällt dabei eine Klienten ein, die ich vor gut einem Jahr beraten habe. Sie war Anlagenbuchhalterin. Ohne jegliche Ausbildung. In die Welt der Zahlen, Buchungen und Konten hat sie sich durch berufliche Praxis und viel, viel Wissbegierde eingearbeitet. Sie bewarb sich auf eine Ausschreibung einer großen Firma in Hamburg. Unter anderem erwartete die Firma einen BWL-Hochschulabschluss. Es gehört zu meiner Pflicht als Berater, darauf hinzuweisen, dass die ungelernte Autodidaktin mit Akademikern um diese Stelle wetteifert. Sie schien sich auf diesen Kampf zu freuen, denn zu sehr funkelten ihre Augen, als sie mit ihren bisherigen buchhalterischen Taten belegte, wie sie das künftige Aufgabengebiet beackern wollte. Genau so schrieb sie das in ihre Bewerbung, mit dem gleichen Motivationsfunkeln musste sie im Vorstellungsgespräch aufgetrumpft haben, denn sie bekam den Job.

Können setzt sich letztlich durch. Das wünsche ich auch Kathrin Weßling.

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