Ist bei diesem Alltag tatsächlich noch ein Weltuntergang notwendig?

7: 15 Uhr

Der  Zeitungsbote kommt in entschleunigter Geschwindigkeit um die Ecke, um das Hamburger Abendblatt spätestens um 6:30 in die Briefkästen zu werfen.

7: 16 Uhr

Im Briefkasten, auf dem deutlich lesbar mein –  und kein anderer – Name steht, sind Briefe für Nachbarn eingegangen, die vollständig anders heißen als ich.  Und auch in anderen Häusern wohnen. Außerdem die Benachrichtigung, dass ein Paket gestern nicht zugestellt wurde, weil ich nicht da war. Ich stutze und verwirre, denn ich habe den ganzen gestrigen Tag über das Haus nicht verlassen. Wie konnte ich meine sehr laute Türklingel überhören. Angst macht sich breit. Leide ich unter zeitweise auftretender Taubheit?

9: 15 Uhr

Die Mail des Auftraggeber, mit dem ich vor drei Tagen ein Seminar verbindlich vereinbart habe, geht ein. „Leider muss ich alle Zusagen zurückziehen“, heißt es dort oxymorostisch. Die Begründung erinnert an die deutsche Bahn (Störungen im Betriebsablauf) oder Microsoft (schwerer Ausnahmefehler). Ich freue mich über meine funktionierenden  Hirnreflexe, die sich weigern, diese Begründung ernst zu nehmen oder sich gar zu merken. Gemerkt habe ich mir jedoch, dass Kollegen einst ähnliche Erfahrungen mit der gleichen Einrichtung gemacht haben. Denke über die Errichtung von schwarzen Listen nach.

10: 00 Uhr

Ich trage Briefe aus.

11:00 Uhr

Die Mail meines Telefonanbieters geht ein. Man freut sich, mich für das Online-Rechnungsverfahren gewonnen zu haben. Ich müsse mich nur auf dem Portal einloggen. Ich mag dieses Portal nicht, weil es unübersichtlich und wegen permanenter Überlastung auch oft nicht zugänglich ist. Deswegen habe ich mich im Shop meines Telefonanbieters bei der zugrunde liegenden Vertragsverlängerung auch klar gegen das Online-Rechnungsverfahren ausgesprochen. Man bot mir stattdessen die Zusendung der Rechnung als PDF per Mail an. „Und dazu muss ich mich nicht auf Ihrem Portal einloggen?“, fragte ich. „Nein, das geht direkt an Ihre Mailadresse“, sagte der Mann. Der Computer des Telefonanbieter hat seinem Kollegen aber offenbar nicht zugehört. Oder ich spreche im Alltag bisweilen chinesisch.

11:01 Uhr

Im Telefonat mit der automatischen Kundenhotline rede ich nicht chinesich, sondern unflätig. Die Computerstimme stellt sich dumm. „Ich habe Sie nicht verstanden“. Ich muss mich zügeln, denn wenn ich so laut rede, höre ich womöglich das Türklingeln nicht, falls Päckchen für meine Nachbarn ankommen, bei deren Türen der Postbote aber nicht klingelt.

11:30 Uhr

Nach 20-minütigen Lauschen einer Hotline-Warteschleife sagte die lebendige Frau in der Hotline im Singsang ihrer Computerkollegin: „Wir kümmern  uns“. Ich trinke den ersten Schnaps.

12:30 Uhr.

Mein Stromdienstleister ruft an. Ich spiele mit dem Gedanken, eine Warteschleife zu summen, lasse mich aber doch zu einem Gespräch hinreißen. Es sei dem Dienstleister nicht klar, ob der Stromzähler, den ich habe, meiner sei. Die Vormieterin habe sich von diesem Zähler, der meinen Strom zählt und für den ich aktuell Strom bezahle, noch nicht abgemeldet. Die Stromfrau fragt mich nach der Nummer meiner Vormieterin, von der ich nebenbei weiß, dass sie beim selbem Anbieter Kundin ist. Ich sage ihr das, sie glaubt es nicht. Die Antwort auf meine Frage, inwiefern ich überhaupt zuständig für Strombelange anderer Menschen bin, kann ich nicht mehr wiedergeben. Sie erschien jedoch unlogisch. Der Abgleich meiner Zählerdaten war hingegen logisch. Mit meinen Daten stimmt also alles. Ich würde die Stromfrau gerne fragen. ob sie nicht für mich bei meiner Telefongesellschaft die Angelegenheit mit der Online-Rechnung klären könnte, aber ich ich habe noch einen Termin und muss weg.

13:00 – 15:00 Uhr

Während einer Autofahrt führe ich einen Disput mit meinem Navigationsgerät. SAMSUNG

16:00

Ich will bei der Post mein Paket abholen. Die Post hat es auch nicht leicht. Hat doch der Innenarchitekt doppelt so viele Schalterstellen eingebaut, wie es Schalterangestellte gibt. Dabei hätte man den Platz bitter nötig gehabt, um die vielen, vielen wartenden Menschen unterzubringen. Die Schlange stehenden können derweil aus dem anspruchsvollen Literaturangebot der Post Weihnachtsgeschenke auswählen. Da wäre die Agenda 2013 zum  Beispiel, die offenbar dritte Aktualisierung der Schröderschen Sozialreformen. Auf der anderen Seite rausgeschmnissenes Geld vor dem drohenden Welteruntergang. Sofern überhaupt darauf Verlass ist.

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